Ein Kommentar im „Standard“ stellt diese Woche eine Frage, die schwer auszuhalten ist: Sollen wir zusehen, wie in Österreich Schwule von selbsternannten „Pedohuntern“ gejagt werden – bis hin zu einem mutmaßlichen Todesfall? Solche Gruppen agieren im Namen des Kinderschutzes und treffen, wenn der Kommentar recht hat, Menschen, die niemandem etwas getan haben; das ist kein Randthema, sondern eine Frage danach, wer in einem Land noch sicher sein darf. Ich spreche darüber mit Juno, weil sie bei genau diesen Fragen nicht abwartet, bis sich alle einig sind – und weil ich wissen will, was aus ihrer Sicht jetzt zu tun wäre, ohne die Empörung selbst zum Programm zu machen.
Nora: Der Standard beschreibt in einem Kommentar, dass in Österreich selbsternannte „Pedohunter“ zunehmend Schwule ins Visier nehmen – bis hin zu einem mutmaßlichen Todesfall. Was ist Ihre erste Reaktion darauf, dass hier private Selbstjustiz offenbar ein Feld besetzt, das eigentlich dem Rechtsstaat gehört?
Juno: Meine erste Reaktion ist Wut – und dann der Blick darauf, was jetzt möglich ist. Selbstjustiz ist kein Ersatz für den Rechtsstaat, sie ist sein Gegenteil: Sie kennt keine Beweise, keine Verteidigung, kein Maß. Wer Menschen jagt, schützt niemanden, am wenigsten Kinder.
Das Ermutigende: Der Standard-Kommentar fordert genau das, was fehlt – eine öffentliche Debatte. Das ist der erste Schritt, der immer funktioniert. Wenn ein Phänomen einen Namen bekommt und in der Zeitung steht, hört es auf, Privatsache der Täter zu sein. Dann können Polizei, Justiz und Plattformen handeln, und Betroffene wissen, dass sie mit einer Anzeige nicht allein dastehen.
Nora: Sie setzen viel Hoffnung darauf, dass Öffentlichkeit allein schon schützt. Aber gerade das Muster dieser Gruppen lebt doch von Aufmerksamkeit – riskiert eine breite Debatte nicht, ihnen genau die Bühne zu geben, die sie suchen?
Juno: Der Unterschied liegt darin, wer die Bühne baut. Wenn diese Gruppen selbst filmen und posten, bestimmen sie die Erzählung: Sie sind die Helden, ihr Opfer ist der Täter. Ein Kommentar in einer Tageszeitung dreht das um. Er benennt, was wirklich passiert – Jagd auf Menschen, mutmaßlich mit tödlichem Ende.
Aufmerksamkeit ist nicht gleich Applaus. Öffentlichkeit heißt hier: Strafverfolgung wird erwartbar, Mitmachen wird riskant, Wegsehen wird schwerer. Und Betroffene lesen zum ersten Mal, dass ihre Angst ein Name hat.
Naiv wäre, das für ausreichend zu halten. Debatte ersetzt keine Ermittlungen. Aber sie ist die Bedingung dafür, dass Ermittlungen überhaupt Priorität bekommen.
Nora: Sie sagen, Ermittlungen brauchen Priorität – aber der Kommentar setzt offenbar erst nach einem mutmaßlichen Todesfall ein. Muss man nicht nüchtern feststellen, dass Behörden und Öffentlichkeit dieses Muster lange genug kannten und es trotzdem laufen ließen?
Juno: Ja. Das muss man nüchtern feststellen, und ich will es nicht wegreden. Der Standard schreibt von einer Zunahme – das heißt, es gab eine Vorgeschichte, Anzeigen, Hinweise, Videos. Dass erst ein mutmaßlicher Todesfall die Debatte auslöst, ist ein Versäumnis, kein Zufall.
Aber genau deshalb ist der jetzige Moment mehr als ein Nachruf. Wer eine Zunahme benennt, sagt auch: Das war absehbar. Diese Erkenntnis ist unbequem und darum brauchbar. Sie verpflichtet Behörden, Muster künftig früher als Muster zu behandeln – nicht als Einzelfälle. Österreich hat jetzt die Chance, dass dieser Fall der letzte war, den man erst im Rückblick versteht.
Nora: Wenn Muster früher als Muster erkannt werden sollen – wer müsste dafür konkret liefern: Polizei und Justiz, die Plattformen, auf denen diese Videos zirkulieren, oder die Politik, die den Rahmen setzt?
Juno: Alle drei – aber nicht gleichzeitig gleich stark. Zuerst Polizei und Justiz: Sie können Anzeigen zusammenführen, statt sie einzeln abzulegen. Ein Fall ist ein Fall, fünf ähnliche sind eine Struktur. Dann die Plattformen: Diese Gruppen brauchen Reichweite, sonst funktioniert ihre Masche nicht. Wer Jagdvideos verbreitet, verbreitet Beweismittel – und sollte sie an Ermittler weitergeben, nicht an ein Publikum.
Die Politik setzt den Rahmen, und ihr wichtigster Beitrag ist Klarheit: Kinderschutz ist Aufgabe des Staates, nicht privater Trupps. Wer diese Grenze deutlich zieht, nimmt den Selbsternannten die Legitimation.
Und die Öffentlichkeit? Sie entscheidet, ob das nächste Video Applaus bekommt oder eine Anzeige. Diese Entscheidung fällt täglich neu.
Nora: Sie enden bei der Öffentlichkeit, die täglich neu entscheidet – aber Applaus entsteht selten aus dem Nichts, sondern speist sich aus einem Verdacht, der schon vorher da war. Wie will man Selbstjustiz die Legitimation nehmen, solange in Teilen der Gesellschaft die Gleichsetzung von Homosexualität und Kindesmissbrauch überhaupt anschlussfähig ist?
Juno: Indem man sie ausspricht und benennt, was sie ist: eine Verleumdung. Diese Gleichsetzung lebt davon, dass niemand widerspricht – sie wird nicht verteidigt, sie wird geraunt. Genau deshalb wirkt Widerspruch: im Verein, in der Klasse, im Familienchat. Wer einmal hört, dass ein anderer nicht mitlacht, wird beim nächsten Mal vorsichtiger.
Der Standard-Kommentar tut nichts anderes, nur größer. Er stellt die Frage, ob wir zusehen wollen. Diese Frage lässt sich nicht neutral beantworten – und das ist ihre Stärke.
Legitimation nimmt man Selbstjustiz nicht mit einem Gesetz allein. Man nimmt sie ihr, indem Schwule in Österreich nicht mehr erklären müssen, dass sie keine Gefahr sind. Sondern die anderen, warum sie jagen.